Obamas wirtschaftlicher Rettungsplan zum Scheitern verurteilt
F. William Engdahl
Obamas wirtschaftlicher und finanzieller »Stimulierungsplan«,
den er in den letzten Tagen verkündet hat, wird jämmerlich
scheitern. Doch nicht nur das: Die ganze Struktur seines Plans, der
die Macht der Großbanken und riesigen Versicherungen an der
Wall Street unangetastet lässt, wird dafür sorgen, dass die
Bankenkrise nicht nur nicht gelöst, sondern dass sich die
gegenwärtige Krise der US-Wirtschaft noch verschlimmern wird.
Die US-Regierung schaufelt das Loch nur noch tiefer und versenkt
gewaltige Mengen amerikanischer Steuergelder in diesem Loch.
Der amerikanische Präsident gab bei einer Rede vor dem
Kongress und bei einer anschließenden Pressekonferenz
Einzelheiten seines Vorschlags bekannt. Einige Details über ein
durch diesen Plan erwartetes Steuerdefizit, die öffentlich
bekannt geworden sind, lassen die Alarmglocken schrillen. Obamas
erstes Budget sieht für das laufende Haushaltsjahr ein Defizit
von 1,75 Billionen Dollar vor. Um es ganz, ganz deutlich zu machen:
das sind tatsächlich 1.750.000.000.000 Dollar weniger
Steuereinnahmen, die Amerikas Regierung »ausgeben« will.
In Anteilen am Bruttoinlandsprodukt wird das Defizit 12,3 Prozent BIP
betragen – das ist das seit 1945 bei Weitem höchste
Defizit. Im Jahre 1945, als das US-Defizit 21,5 Prozent BIP
erreichte, waren die Kriegsausgaben auf dem höchsten Stand. Die
Regierung erwartet, dass das Defizit bis 2013 auf gleicher Höhe
bleiben wird, erst dann »erwartet« sie eine Erholung. Das
Defizit muss durch neue Schulden gedeckt werden.
Wer soll das Defizit finanzieren?
Um diesen defizitären Betrag richtig zu würdigen: er ist
fast so hoch wie das gesamte BIP Italiens. Gemäß dem
heutigen amerikanischen privaten Bankensystem der Federal Reserve
muss dieses Defizit dadurch finanziert werden, dass das
US-Finanzministerium neue Staatsanleihen auflegt, die von den
Anleihehändlern an der Wall Street auf dem Weltfinanzmarkt
verkauft werden. Da die Sparquote der amerikanischen Haushalte in den
letzten Jahren beinahe auf Null gesunken ist – die meisten
Familien haben mit einer Rekordverschuldung im Verhältnis zu
ihrem Einkommen, d.h. fast ausschließlich »auf Pump«
gelebt – sind Amerikas Defizite dadurch finanziert worden, dass
Schatzanleihen des US-Finanzministeriums verkauft wurden, und zwar
vorwiegend an ausländische Investoren.
Obamas Bankenplan lässt bisher die Megabanken
ungeschoren davonkommen.
Jetzt, wo die Rekorddefizite der Bush-Regierung zur Finanzierung
der Steuererleichterungen für Amerikas Reiche und die Kriege in
Afghanistan und im Irak die öffentliche Verschuldung in nur acht
Jahren auf elf Billionen Dollar verdoppelt haben, ist die Regierung
kaum in der Lage, eine riesige Neuverschuldung zu finanzieren, ohne
die Angst vor einer zukünftigen Staatsverschuldungskrise zu
schüren. Das bedeutet, dass die Renditen der Staatsanleihen, die
das US-Finanzministerium anbietet, um die Rekordverschuldung
finanzieren zu können, deutlich steigen werden; und das wird das
amerikanische Wirtschaftswachstum noch weiter belasten.
Der größte ausländische Investor der USA war
zumindest in den vergangenen zehn Jahren die Volksrepublik China; an
zweiter Stelle stand Japan. In beiden Ländern leidet die
Wirtschaft aber jetzt unter einem ihrer Ansicht nach amerikanischen
Problem – einer Krise »Made in America«. Bei den
jüngsten bilateralen Gesprächen haben beide Länder
zunehmende Zurückhaltung signalisiert, »schlechtem Geld
gutes hinterher zu werfen«, indem sie weiterhin
US-Staatsanleihen aufkaufen, d.h. in die US-Staatsverschuldung
investieren.
Als Resultat von mehr als zehnjährigen
Außenhandelsüberschüssen verfügt China heute mit
über zwei Billionen Dollar über die größten
Devisenreserven der Welt. Japan folgt mit etwa 980 Milliarden Dollar
an zweiter Stelle. China allein hält Anleihen der mittlerweile
verstaatlichten US-Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und
Freddie Mac in Höhe von etwa 500 Milliarden Dollar und
hat jetzt zu verstehen gegeben, dass man in Beijing nicht mehr
besonders darauf erpicht ist, in die astronomisch in die Höhe
schnellenden US-Defizite zu investieren. Kurz: Mit der Höhe des
Defizits riskiert Obama eine katastrophale Finanzierungskrise in den
USA, die die Zinsen für Amerikas Schulden massiv in die Höhe
treiben könnte, während die US-Wirtschaft tiefer in eine
Depression rutscht. Denn sowohl China wie auch Japan werden
wahrscheinlich die bisher in Dollars investierten Reserven lieber für
die Verbesserung ihrer eigenen Wirtschafts-Infrastruktur verwenden.
Mischmasch bei den Ausgaben
Die Einzelheiten von Obamas wirtschaftlichem Stimulierungsprogramm
zeigen einen unwirksamen Mischmasch von Ausgaben, die angeblich drei
Millionen neue Arbeitsplätze schaffen sollen. Angesichts der
schrumpfenden Wirtschaft und der wachsenden Zahl der Arbeitslosen,
die monatlich um 600.000 zunimmt – pro Jahr sind das sieben
Millionen Amerikaner – wird man mit dem Anstieg der
Arbeitslosigkeit nicht mithalten können. Darüber hinaus
wird der Plan, Dutzende Milliarden Dollars für die Schulen
auszugeben, die Ausstattung der Schulräume mit Computern
eingeschlossen, wenig dazu beitragen, Arbeitsplätze zu schaffen,
denn fast alle Computer werden in Asien produziert. Milliarden für
den Kampf gegen die Erderwärmung oder für Auktionen für
»CO2-Kredite« auszugeben, ist mehr als
Geldverschwendung.
Nach Obamas Plan soll jeder US-Bürger jährlich eine
Steuererleichterung in Höhe von 400 Dollar erhalten, angesichts
der gegenwärtigen Krise ein Tropfen auf den heißen Stein.
Auch der Plan, einen Großteil des Stimulierungspakets von 789
Milliarden Dollar als »Anzahlung« für einen
zukünftigen Plan zu verwenden, allen Amerikanern wieder eine
Krankenversicherung zu gewähren, ist vielleicht gesellschaftlich
lobenswert, beseitigt aber nicht die Ursachen der heutigen
Wirtschaftsdepression.
Andere unpopuläre Programme, wie die Finanzierung der Kriege
im Irak und in Afghanistan, sind stillschweigend in den
»Wirtschaftsstimulus« einbezogen worden, darunter
zusätzliche 75 Milliarden Dollar für den Krieg bis
September 2009, d.h. zusätzlich zu dem gegenwärtigen
Kriegsbudget von 40 Milliarden. Obama, der bei seiner Kampagne den
Eindruck erweckt hat, er werde die US-Truppen aus dem Irak abziehen,
hat für den Haushalt 2010 insgesamt 130 Milliarden Dollar für
den Einsatz im Irak und in Afghanistan beantragt und rechnet für
eine unbestimmte Zeit mit einem jährlichen Finanzbedarf für
den Krieg in Höhe von 50 Milliarden Dollar.
Der Untergang der Mittelschicht
Diese Krise trifft die amerikanischen Haushalte mit mittleren
Einkommen am härtesten, die die Grundlage für den
Rekordanstieg an den Aktienmärkten gewesen waren, und die in den
letzten 20 Jahren dafür gesorgt hatten, dass in den USA mehr
Eigenheime gebaut wurden. Die Reagan-Volcker-Rezession von 1980 bis
1983 hatte vor allem die Familien von zumeist gewerkschaftlich
organisierten Industriearbeitern getroffen. Diese Krise betrifft alle
Amerikaner, mit Ausnahme der Superreichen.
Die Amerikaner mit mittleren Einkommen, die Häuser gekauft
und das Studium ihrer Kinder finanziert haben, hatten bislang einen
Teil ihres Einkommens für ihre Alterssicherung in verschiedenen
privaten Pensionsfonds angelegt. Jetzt, wo der US-Aktienmarkt
gegenüber dem Höchststand von Anfang 2008 um 49 Prozent
gefallen ist, schwindet der Wert dieser Anlagen. Wer für seine
Alterssicherung in ein Eigenheim investiert hat, verliert nun
gewaltig, denn die Eigenheimpreise fallen mit einer jährlichen
Rate von 13 Prozent – und eine Erholung ist nicht in Sicht.
Dies ist der erste Wirtschaftsabschwung seit der Großen
Depression vor etwa 70 Jahren, von dem die mittlere Einkommensschicht
in Amerika voll getroffen wird. Und deren Lage berücksichtigt
Obamas Plan nicht.
Das Dogma der Republikanischen Regierung Bush lautete seit 2001,
große Steuererleichterungen würden zu einem gesunden
Wirtschaftswachstum führen. Die Steuern wurden massiv gesenkt.
Das öffentliche Defizit stieg während der vergangenen acht
Jahre unverhältnismäßig stark an – und trotzdem
kollabiert die Wirtschaft. So viel zu Milton Friedmans neoliberalem
Dogma.
Die Macht des Geldes bleibt unberührt
Der wirkliche Grund dafür, dass Obamas Stimulierungsprogramm
keine Basis für einen gesunden Aufschwung der US-Wirtschaft
bietet, ist jedoch der, dass die Regierung Obama sich weigert –
ob nun aus Angst vor der Macht der Finanzinteressen oder aus Absicht
– die Machtbasis der Banken anzutasten, die die gegenwärtige
Krise erzeugt haben. In meinem in Kürze erscheinenden neuen Buch
Der Untergang des Dollar-Imperiums (Kopp Verlag) zeige ich,
dass seit 1999, als sich Präsident Clinton den Forderungen der
Wall Street und der Megabanken gebeugt und den »Glass-Steagall
Act« von 1933 außer Kraft gesetzt hatte, Amerikas Banken
mit Versicherungen und Finanzmaklern zu gigantischen
Finanzkonglomeraten fusioniert haben, die so riesig sind, dass keine
Regierung sie je kontrollieren könnte. »Glass Steagall«
war einst während der Depression verabschiedet worden und
verfügte die strikte Trennung zwischen Geschäftsbanken von
Finanzmaklern wie Goldman Sachs oder nur wenig regulierten
Versicherungen.
Die
Citigroup steht angeblich
vor der Insolvenz; einerseits ist sie »zu groß, um
bankrott zu gehen«, andererseits kann sie angesichts ihrer
Vermögenswerte von 2,2 Billionen Dollar kaum gerettet werden.
Allein die Citigroup – deren Vizedirektor in der
Zeit der kürzlichen wilden Spekulationswelle mit
Subprime-Hypotheken und der vermögensbesicherten Verbriefung
niemand anderer war als Clintons Finanzminister Robert Rubin –
wuchs nach 1999 zu einer weltweiten Gruppe von über 3.000
Tochterunternehmen mit einem Gesamtbuchwert von 2,2 Billionen Dollar
an – das ist mehr als das BIP von Spanien. J.P. Morgan
und die Bank of America wurden fast genauso groß; sie
vertrieben, zusammen mit drei oder vier anderen Megabanken in den
USA, weltweit die meisten Finanzderivate und andere hoch riskante
Finanzprodukte. In dem Jahrzehnt nach der Außerkraftsetzung des
»Glass-Steagall Acts« sind einige wenige US-Banken so
enorm gewachsen, dass sie praktisch nicht mehr untersucht werden
können. Als damaliger Federal-Reserve-Chef hatte Alan
Greenspan bei Anhörungen vor dem Kongress erklärt, wenig
öffentliche Kontrolle über die neu entstehenden
Bankholding-Gesellschaften sei »wünschenswert«, um
die Räder des »freien Marktes« zu ölen. Jetzt
behauptet derselbe Greenspan lammfromm, eine Verstaatlichung wäre
vielleicht erforderlich!
Bei einer Anhörung vor dem US-Kongress vor wenigen Tagen
betonte Ben Bernanke, der jetzige Vorsitzende der Federal
Reserve, der sich bislang als williger Diener der Interessen der
Großbanken an der Wall Street erwiesen hat, eine
»Verstaatlichung« von Banken wie der Citibank
oder der Bank of America werde es nicht geben. Das bedeutet,
dass sich die Regierung Obama weigert, das Problem bei der Wurzel zu
packen und die Größe und den Einfluss der Megabanken auf
die Wirtschafts- und Finanzpolitik der USA drastisch zu reduzieren.
Stattdessen ist Finanzminister Geithners Programm der »Public
Private Partnership« oder PPP, wie man heute sagt, nur ein
weiterer Plan, den bankrotten Banken Steuergelder hinterher zu
werfen, dagegen das Management aber nicht anzutasten und die
Kontrolle über die Banken denen zu überlassen, die seit
zehn Jahren für diese Krise verantwortlich sind.
Der jetzige Umfang der Banken-Rekapitalisierung ist zu gering und
die vorgesehenen Maßnahmen werden es dem bestehenden Management
erlauben, im Amt zu bleiben und so weiter zu machen wie bisher. Obama
hat angekündigt, er werde zusätzlich zu den 700 Milliarden
Dollar aus dem »Troubled Asset Relief Program« (TARP) für
begünstigte Banken der Regierung Bush vom vergangenen Oktober,
noch weitere 750 Milliarden Dollar an Hilfen für Amerikas Banken
beantragen. Für viele Experten ist das nichts anderes, als
»gutes Geld schlechtem hinterher zu werfen«.
Große Banken sind auch weiterhin »zu groß, um
bankrott zu gehen«. Kredite werden kaum vergeben. Das
Stimulierungspaket der US-Regierung wird wahrscheinlich 2009 und 2010
nur ein kleinen Strohfeuer anfachen, das sich auf etwa zwei Prozent
BIP pro Jahr belaufen wird. Obama hat eine strategisch wichtige
Chance verpasst, die drei Jahrzehnte währende Herrschaft der
Finanzwelt über die US-Wirtschaft zu beenden. Dieses
Finanzimperium hat die amerikanische Industrie fast völlig
ruiniert und droht nun, das gleiche auch mit der restlichen
Weltwirtschaft zu tun.
Dienstag, 03.03.2009
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